
Mexipedium xerophyticum – die einzige Art einer außergewöhnlichen Orchideengattung.
Nur eine Handvoll Orchideenarten haben es geschafft, eine ganze Gattung für sich allein zu beanspruchen. Mexipedium xerophyticum ist eine davon – eine relativ unscheinbare, münzgroße Orchidee. Sie ist ausschließlich auf einem einzigen Kalksteinfelsen in Oaxaca, Mexiko zu finden. Kaum entdeckt, brachte sie die botanische Systematik bereits durcheinander.

Im September 1985 sammelte der Botaniker Heriberto Hernández erste Pflanzenteile und schickte sie an das Herbarium der mexikanischen Orchideengesellschaft AMO(1). Schnell war klar: Das war keine bekannte Art. Man vermutete eine bislang unbeschriebene Pflanze aus der Unterfamilie der Cypripedioideae, der Frauenschuh-Orchideen – und verschickte Fotos an Fachleute in aller Welt(1).
Als man 1988 schließlich die lebende Population am Fundort aufspürte, waren es gerade einmal sieben Pflanzen. Die größte davon bestand aus rund 120 einzelnen Rosetten(2). Die Botaniker Gerardo Salazar und Eric Hágsater bezeichneten den Fund später als einen der bemerkenswertesten Orchideenfunde der letzten Jahrzehnte in der neotropischen Flora(1).

Formal beschrieben wurde die Pflanze 1990 von Soto Arenas, Salazar und Hágsater – zunächst als Phragmipedium xerophyticum, da sie äußerlich den amerikanischen Frauenschuh-Orchideen der Gattung Phragmipedium ähnelte(3,4). Bei genauerer Untersuchung zeigte sich jedoch: Der Fruchtknoten besitzt nur eine statt der für Phragmipedium typischen drei Kammern – ein Merkmal, das eigentlich die asiatischen Paphiopedilum-Arten auszeichnet(2,5). Zusammen mit einer DNA-Analyse führte das 1992 dazu, dass Victor Albert und Mark Chase der Pflanze eine eigene, neue Gattung zuwiesen: Mexipedium(4,5,6).
Der Name verrät einiges über die Pflanze: Er verbindet den Herkunftsort Mexiko mit dem lateinischen Wort für „Fuß" (pes) und spielt auf die schuhförmige Lippe an. Das Artepitheton xerophyticum stammt aus dem Griechischen für „trocken" und „Pflanze" und verweist auf den kargen Standort(6).

Bis heute ist Mexipedium xerophyticum nur von diesem einen kleinen Fundort im südlichen Mexiko bekannt(7). Dort wächst sie lithophytisch – direkt auf freiliegendem Kalkstein-Karst mit nur einer dünnen Humusauflage – in Wäldern aus Kiefern, Eichen und Amberbäumen, auf etwa 320 bis 350 Metern Höhe(2,8). Der Standort liegt an steilen, nach Norden oder Osten ausgerichteten Felswänden(2), geschützt vor direkter Sonne(7). Die Gesamtfläche, auf der die Art vorkommt, wird auf ungefähr einen Hektar geschätzt – ein Areal, das zudem als feuergefährdet gilt(9).
Die Pflanzen bleiben klein: Mitsamt Blütenstand erreichen sie eine Höhe von 20 bis 40 Zentimetern(2). Ihr Wachstum ist sympodial — ein einzelner Spross lebt etwa fünf Jahre und schließt seine Entwicklung mit der Blüte ab(2). Aus basalen Erneuerungsknospen treiben Ausläufer, sogenannte Stolonen, aus. Mit der Zeit können daraus kleine Kolonien entstehen – eine Vermehrungsstrategie, die man bei Frauenschuh-Orchideen sonst kaum findet(2,7).
Zwischen den einzelnen Sprossen liegt ein von Niederblättern umhülltes Rhizom von rund 20 Zentimetern Länge(2).
Winzig sind auch die Blüten: weiß, manchmal zart rosa überhaucht, gerade einmal 1,3 bis 2,5 Zentimeter groß(3,10). Die Lippe wirkt fast ballonförmig, die seitlichen Petalen sind schmal, meist nach unten gebogen und bis auf ein paar Wimpern am Grund unbehaart(3,10). Auffällig pink gefärbt ist das Staminodium – jenes unfruchtbare, schildförmige dritte Staubblatt, das den Frauenschuh-Orchideen ihren charakteristischen Blütenbau verleiht(3,10).
Die Infloreszenz wird 6,5 bis 13,5 Zentimeter hoch und bringt nacheinander drei bis sieben Blüten hervor — geöffnet ist davon aber immer nur eine(3).
Geblüht wird im Herbst, einen Duft geben die Blüten nicht ab(3,10). Die Chromosomenzahl beträgt 2n = 26; als Bestäuber werden kleine Bienen vermutet, und trotz aller Zurückhaltung bildet die Pflanze vergleichsweise viele Blüten(2).


Weil sie auf ein einziges, winziges Vorkommen beschränkt ist, gilt Mexipedium xerophyticum in der Roten Liste der IUCN als „vom Aussterben bedroht" (Critically Endangered)(11,12). Erschwerend kommt hinzu, dass am Naturstandort bislang keine Jungpflanzen beobachtet wurden, sondern ausschließlich ausgewachsene Exemplare(9). International ist die Art über den Anhang I des Washingtoner Artenschutzabkommens (CITES) geschützt – dort wird sie aus historischen und rechtlichen Gründen allerdings noch immer unter dem Namen Phragmipedium geführt(1,6).
So selten sie in der Natur ist, so gut hat sich Mexipedium xerophyticum inzwischen in Kultur etabliert. Nahezu alle in den USA kultivierten Pflanzen gehen auf zwei frühe Klone zurück, bekannt unter den Namen 'Oaxaca' und 'Windy Hill'(13). Die Züchterin Lucille McCook brachte die Art am 27. Juni 1992 erstmals in Kultur zur Blüte und stellte sie noch im selben Jahr bei einer Orchideen-Preisrichtung in Illinois vor(13). Künstlich vermehrt wird sie bis heute – das sichert ihr Überleben zumindest in botanischen Sammlungen, auch wenn eine Wiederansiedlung am ursprünglichen Fundort bislang nicht gelungen ist(14).
Bildquellen
Quellen
Hinweis: Dieser Artikel basiert auf öffentlich zugänglichen Quellen (Stand: Juli 2026). Für eine wissenschaftliche Verwendung wird empfohlen, die Originalpublikationen zu konsultieren, insbesondere Albert & Chase (1992), Mexipedium: A New Genus of Slipper Orchid, Lindleyana 7(3): 172–176, sowie Pérez-García, E. A. (2010/2011), El redescubrimiento de Mexipedium xerophyticum, Lankesteriana 9(3): 557–563.


A


Mexipedium xerophyticum – die einzige Art einer außergewöhnlichen Orchideengattung.
Nur eine Handvoll Orchideenarten haben es geschafft, eine ganze Gattung für sich allein zu beanspruchen. Mexipedium xerophyticum ist eine davon – eine relativ unscheinbare, münzgroße Orchidee. Sie ist ausschließlich auf einem einzigen Kalksteinfelsen in Oaxaca, Mexiko zu finden. Kaum entdeckt, brachte sie die botanische Systematik bereits durcheinander.

Im September 1985 sammelte der Botaniker Heriberto Hernández erste Pflanzenteile und schickte sie an das Herbarium der mexikanischen Orchideengesellschaft AMO(1). Schnell war klar: Das war keine bekannte Art. Man vermutete eine bislang unbeschriebene Pflanze aus der Unterfamilie der Cypripedioideae, der Frauenschuh-Orchideen – und verschickte Fotos an Fachleute in aller Welt(1).
Als man 1988 schließlich die lebende Population am Fundort aufspürte, waren es gerade einmal sieben Pflanzen. Die größte davon bestand aus rund 120 einzelnen Rosetten(2). Die Botaniker Gerardo Salazar und Eric Hágsater bezeichneten den Fund später als einen der bemerkenswertesten Orchideenfunde der letzten Jahrzehnte in der neotropischen Flora(1).

C
Formal beschrieben wurde die Pflanze 1990 von Soto Arenas, Salazar und Hágsater – zunächst als Phragmipedium xerophyticum, da sie äußerlich den amerikanischen Frauenschuh-Orchideen der Gattung Phragmipedium ähnelte(3,4). Bei genauerer Untersuchung zeigte sich jedoch: Der Fruchtknoten besitzt nur eine statt der für Phragmipedium typischen drei Kammern – ein Merkmal, das eigentlich die asiatischen Paphiopedilum-Arten auszeichnet(2,5). Zusammen mit einer DNA-Analyse führte das 1992 dazu, dass Victor Albert und Mark Chase der Pflanze eine eigene, neue Gattung zuwiesen: Mexipedium(4,5,6).
Der Name verrät einiges über die Pflanze: Er verbindet den Herkunftsort Mexiko mit dem lateinischen Wort für „Fuß" (pes) und spielt auf die schuhförmige Lippe an. Das Artepitheton xerophyticum stammt aus dem Griechischen für „trocken" und „Pflanze" und verweist auf den kargen Standort(6).

Bis heute ist Mexipedium xerophyticum nur von diesem einen kleinen Fundort im südlichen Mexiko bekannt(7). Dort wächst sie lithophytisch – direkt auf freiliegendem Kalkstein-Karst mit nur einer dünnen Humusauflage – in Wäldern aus Kiefern, Eichen und Amberbäumen, auf etwa 320 bis 350 Metern Höhe(2,8). Der Standort liegt an steilen, nach Norden oder Osten ausgerichteten Felswänden(2), geschützt vor direkter Sonne(7). Die Gesamtfläche, auf der die Art vorkommt, wird auf ungefähr einen Hektar geschätzt – ein Areal, das zudem als feuergefährdet gilt(9).
Die Pflanzen bleiben klein: Mitsamt Blütenstand erreichen sie eine Höhe von 20 bis 40 Zentimetern(2). Ihr Wachstum ist sympodial — ein einzelner Spross lebt etwa fünf Jahre und schließt seine Entwicklung mit der Blüte ab(2). Aus basalen Erneuerungsknospen treiben Ausläufer, sogenannte Stolonen, aus. Mit der Zeit können daraus kleine Kolonien entstehen – eine Vermehrungsstrategie, die man bei Frauenschuh-Orchideen sonst kaum findet(2,7).
Zwischen den einzelnen Sprossen liegt ein von Niederblättern umhülltes Rhizom von rund 20 Zentimetern Länge(2).
Winzig sind auch die Blüten: weiß, manchmal zart rosa überhaucht, gerade einmal 1,3 bis 2,5 Zentimeter groß(3,10). Die Lippe wirkt fast ballonförmig, die seitlichen Petalen sind schmal, meist nach unten gebogen und bis auf ein paar Wimpern am Grund unbehaart(3,10). Auffällig pink gefärbt ist das Staminodium – jenes unfruchtbare, schildförmige dritte Staubblatt, das den Frauenschuh-Orchideen ihren charakteristischen Blütenbau verleiht(3,10).
Die Infloreszenz wird 6,5 bis 13,5 Zentimeter hoch und bringt nacheinander drei bis sieben Blüten hervor — geöffnet ist davon aber immer nur eine(3).
Geblüht wird im Herbst, einen Duft geben die Blüten nicht ab(3,10). Die Chromosomenzahl beträgt 2n = 26; als Bestäuber werden kleine Bienen vermutet, und trotz aller Zurückhaltung bildet die Pflanze vergleichsweise viele Blüten(2).


Weil sie auf ein einziges, winziges Vorkommen beschränkt ist, gilt Mexipedium xerophyticum in der Roten Liste der IUCN als „vom Aussterben bedroht" (Critically Endangered)(11,12). Erschwerend kommt hinzu, dass am Naturstandort bislang keine Jungpflanzen beobachtet wurden, sondern ausschließlich ausgewachsene Exemplare(9). International ist die Art über den Anhang I des Washingtoner Artenschutzabkommens (CITES) geschützt – dort wird sie aus historischen und rechtlichen Gründen allerdings noch immer unter dem Namen Phragmipedium geführt(1,6).
So selten sie in der Natur ist, so gut hat sich Mexipedium xerophyticum inzwischen in Kultur etabliert. Nahezu alle in den USA kultivierten Pflanzen gehen auf zwei frühe Klone zurück, bekannt unter den Namen 'Oaxaca' und 'Windy Hill'(13). Die Züchterin Lucille McCook brachte die Art am 27. Juni 1992 erstmals in Kultur zur Blüte und stellte sie noch im selben Jahr bei einer Orchideen-Preisrichtung in Illinois vor(13). Künstlich vermehrt wird sie bis heute – das sichert ihr Überleben zumindest in botanischen Sammlungen, auch wenn eine Wiederansiedlung am ursprünglichen Fundort bislang nicht gelungen ist(14).
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Hinweis: Dieser Artikel basiert auf öffentlich zugänglichen Quellen (Stand: Juli 2026). Für eine wissenschaftliche Verwendung wird empfohlen, die Originalpublikationen zu konsultieren, insbesondere Albert & Chase (1992), Mexipedium: A New Genus of Slipper Orchid, Lindleyana 7(3): 172–176, sowie Pérez-García, E. A. (2010/2011), El redescubrimiento de Mexipedium xerophyticum, Lankesteriana 9(3): 557–563.
